STAMMZELLENFLEISCH AUS SINGAPUR: WIE WIR IN ZUKUNFT ESSEN

Eier, Huhn und Fisch aus dem Labor: Singapur ist das erste Land weltweit, in dem Fleisch aus Stammzellen vermarktet werden darf. Wird die Welt davon in Zukunft satt – und wie schmeckt das überhaupt?

Stellen Sie sich kurz vor, Sie könnten die Welt mit Chicken-Nuggets retten. Sie müssten die Nuggets einfach nur essen. Sie würden auf echtes Hühnerfleisch beißen, und doch wäre kein Tier für Ihre Mahlzeit gestorben. Es wäre im Labor gewachsen, aus einer einzigen Hühnerzelle. Stellen Sie sich vor, es gäbe auf einmal genug Fleisch aus dem Labor, um alle Menschen auf der Welt sattzukriegen. Der Hunger wäre bekämpft. Die Böden, auf denen jetzt der Futtermais wächst, der die Hühner fett und schlachtreif macht, könnten umgenutzt werden. Vielleicht für einen gemischten Wald, der CO₂ aus der Luft zieht. Die Massentierhaltung, wie wir sie heute kennen, bräuchte niemand mehr.

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Sie haben natürlich recht. Wo die Wörter »Lösung« und »einfach« in einem Absatz stehen, da muss man aufpassen in diesen komplizierten Krisenzeiten. Aber es gibt einen Ort, an dem an dieser Utopie gearbeitet wird. Wo man sie, und das ist ja, wenn die Lösung durch den Magen gehen soll, entscheidend – verkosten kann. Wo das Chicken-Nugget, das die Welt retten könnte, schon auf Tellern serviert wird. Willkommen in Singapur.

Singapur ist das erste und bisher einzige Land der Welt, in dem im Labor gezüchtetes Fleisch vermarktet und vom sogenannten Endverbraucher konsumiert werden darf. Die Regierung hat ein Interesse daran, dass die Techniken für die Lebensmittel der Zukunft im eigenen Land erfunden werden. Einmal, weil es sich um ein Big Business handeln könnte: Investoren weltweit setzen auf den neuen Food-Sektor Milliarden US-Dollar. Alternative Proteine, einschließlich im Labor gezüchteten Fleisches, machen heute zwei Prozent des weltweiten Fleischmarkts aus. Bis 2035 könnte sich ihr Anteil verfünffachen. Spätestens seit die Lebensmittelpreise infolge der Pandemie und des Krieges in der Ukraine derart in die Höhe gehen und mit Blick auf die Hunger- und Umweltkrisen der Welt bezeichnen einige Fachleute Fleisch aus Stammzellen als eine lebensmitteltechnologische Revolution.

Das kleine Singapur ist, außerdem, abhängig von Lebensmittelimporten. 90 Prozent kommen aus dem Ausland, eigene landwirtschaftliche Flächen gibt es fast keine. Bis 2030 will die Regierung das ändern, fördert Start-ups, die an Rezepturen für Eier ohne Ei forschen. Intelligente Dachgartensysteme, wo die Salatköpfe wie an einer sich selbst bewässernden Litfaßsäule wachsen. Und dann eben, ganz besonders, die Stammzellentechnologie. Milch aus Stammzellen. Fisch aus Stammzellen. Fleisch aus Stammzellen.

In Kurzform geht die Laboridee so: Tieren werden per Biopsie Stammzellen entnommen, die in flüssigem Stickstoff gefroren und so mehrere Jahre haltbar gemacht werden. Um Fleisch zu produzieren, werden diese Zellen in einem Bioreaktor vermehrt. Die Technologie ist noch nicht massentauglich, aber theoretisch könnte man aus einer einzigen Entnahme von Zellen Hunderte Tonnen Fleisch produzieren.

Das amerikanische Silicon-Valley-Start-up Eat Just ist mit einem Labor nach Singapur umgezogen. Es arbeitet an Hähnchenfleisch, will es in den nächsten Jahren in die Supermärkte bringen. Donnerstags lädt das Unternehmen eine Gruppe ausgewählter Testpersonen ins schicke Marriott Hotel mitten in Singapur ein. Anfang November sitzen an einem langen Tisch, um die Zukunft serviert zu bekommen: Investoren, Lebensmitteltechnologinnen, Unternehmerinnen und ich.

Das Dinner

Beim Dinner wird der Raum abgedunkelt, an die Wände projiziert läuft ein Film über die Klimakrise, kaputte Böden, hungernde Bevölkerungen, steigende Meeresspiegel. Sogar die ersten drei Gänge des Menüs, die alle vegan sind, haben Namen wie Weltuntergangsfilme. »Forest Floor«, »Fields of Corn«, »Flooded Future«.

Wir erfahren, wie Menschen über Jahrtausende Vögel hochzüchteten bis zu dem Hähnchen, wie wir es heute kennen: eine der wichtigsten Proteinquellen der Weltbevölkerung. 23 Milliarden Hühner gibt es auf der Erde. Um sie zu mästen, zu schlachten, zu kühlen, zu gefrieren, zu transportieren, erzählt uns die Stimme im Video, werden große Mengen Energie und Flächen verbraucht, die Klimakrise angefacht. Alles weil der Mensch, obwohl es heute oft nicht mehr sein müsste, weiterhin zu viel Fleisch essen will.

Endlich wird der Gang hereingetragen, das Chicken-Nugget aus dem Labor, für das alle an diesem Abend gekommen sind. Die Kellnerin reicht uns die Teller, stellt vor:

Maple Waffle, Crispy Cultivated Chicken Bite, Hot Sauce

Ein frittiertes Stück Laborhähnchen auf einer Waffel, mit einem Tupfen brauner Soße, garniert mit rosa Blüten

Die Technik des Essens hatte schon oft in der Geschichte der Menschheit das Zeug, Kultur zu verändern und das Leben von vielen. Obst gären. Brot backen. Salz jodieren. Feuer machen. Tiere züchten. Die Sache ist: Damit ein neues Nahrungsmittel, das in der Theorie Sinn ergibt, in der Praxis überzeugt, muss es erschwinglich, in großen Mengen verfügbar sein. Und vor allem: Es muss schmecken.

Der Geschmack.

Das Messer fährt durch die Panade, dann durch das Fleisch. Mein erster Gedanke: Es wirkt weicher als normales Hähnchenfleisch, fast lässt es sich mit der Gabel durchdrücken. Ich kratze etwas Panade ab, um das Fleisch zu sehen. Sieht heller aus als gewöhnliches Hähnchen, fast weißlich-grau. Erster Biss: Weich, ich kaue auf wenig Substanz, etwas faserig, erinnert mich an Tofu. Bisschen wässrig. Aber: Schmeckt definitiv nach Huhn, riecht auch danach.

Der Tischnachbar sagt: Da ist noch Luft nach oben. Die Tischnachbarin sagt: Wenn sie die Wahl hätte, würde sie ein Sojaschnitzel einem Stammzellenfleischschnitzel vorziehen. Das schmecke ihr besser. Ich frage mich: So, wie Chicken-Nuggets normalerweise konsumiert werden, schnell, viele, mit den Händen – würde man an der Imbissbude den Unterschied wirklich rausschmecken? Ich schreibe auf den Notizzettel: fünf von zehn Punkten. Das reicht nicht, alle am Tisch sind sich einig. Innovation muss knallen. Laborfleisch muss besser sein als das Billighähnchen einer Fast-Food-Kette.

Was ist mit den anderen Punkten – Preis, Verfügbarkeit, Zulassung? Ab ins Labor.

Im Labor

Serene Chng streift sich den weißen Kittel über. Sie ist Biologin, arbeitet für Shiok Meats, ein Unternehmen aus Singapur, das Meerestiere aus Stammzellen auf dem Markt bringen will. Ihre Aufgabe ist es, sich auf die Suche zu machen nach den fittesten dieser Zellen, jenen, die sich am besten vermehren.

Chng führt uns durch Labor eins, wo Hummern, Garnelen und Tintenfischen Stammzellen entnommen und dann untersucht werden. »Hier finden wir heraus, was die Zellen gern essen. Wie oft wir sie füttern müssen«, sagt Chng und meint die Nährlösungen, mit Kohlenhydraten, Aminosäuren, Mineralien, die das Blut ersetzen, das im tierischen Organismus Zellen wachsen lässt. »Was Sie hier sehen, ist nur der Anfang einer Revolution.«

Sie führt vorbei an Mikroskopen, UV-Lampen, Zentrifugen, Stoffwechselanalysegeräten. Die Technologie hinter dem Stammzellenfleisch ist dem Entwicklungsprozess bestimmter Medikamente und Impfstoffe entlehnt. Der Coronaimpfstoff von AstraZeneca etwa entsteht in einem ähnlichen Verfahren.

Chngs Kollege öffnet den Deckel des Kryotanks, der Stammzellenbank. Stickstoff dampft aus dem Behälter nach oben. Drinnen sind die potentesten Stammzellen auf minus 80 Grad tiefgefroren gelagert. Aus einer dieser Zellen kann beliebig viel Tintenfischfleisch wachsen, sagt die Biologin Chng. Das passiert nebenan, in großen Bioreaktoren aus Edelstahl. Hier gedeihen die Zellen. Ich hatte mir vorgestellt, dass in diesen Maschinen ganze Tintenfische und Hummer wachsen. Aber das stimmt nicht: Es werden ausschließlich Muskel- und Fettzellen vermehrt. Diese wachsen wie eine Art Suppe, die immer dicker wird, bis die Konsistenz Hackfleisch gleicht. Nach etwa sechs bis acht Wochen ist die Zellsuppe reif und wird in einem Verfahren, das mir Shiok Meats nicht verraten mag, angereichert mit Pflanzenfasern und zu einer Fleischpaste verarbeitet, aus der dann die Lebensmittel gemacht werden. Das fertige Produkt, etwa das Chicken-Nugget, besteht also nicht zu hundert Prozent aus Fleisch.

Ich habe Fragen. Ist Laborfleisch Fleisch?

Die Gründerin von Shiok Meats, Sandhya Sriram, Stammzellforscherin, antwortet: »Ja. Das ist zu hundert Prozent Fleisch. Stellen Sie es sich so vor, wie wenn man Gemüse statt in der Natur in einem Gewächshaus züchtet. Das Ergebnis ist dasselbe, aber der Weg dahin ist nicht der natürliche, sondern ein technologischer.«

Können Vegetarier das essen?

Sriram: »Gerade Vegetarier, die fürs Tierwohl und wegen der Klimakrise auf Fleisch verzichten, sind sehr interessiert an Laborfleisch. An Fleisch ohne Grausamkeiten.«

Warum noch eine Fleischalternative – es gibt doch schon Burger aus Soja, Mungobohnen, Kichererbsen?

Sriram: »Die Hoffnung, dass sich ein Großteil der Menschen bald vegetarisch ernährt, ist naiv. Der Fleischkonsum steigt. Die Weltbevölkerung wächst. Unser Ansatz ist: Lasst den Leuten ihr Fleisch und ihren Fisch, aber macht es zukunftstauglich.«

Wenn Stammzellenfleisch die Lösung so vieler Probleme sein soll – warum finde ich es nicht längst im Supermarkt?

Zwei Begriffe fallen immer wieder, wenn man sich mit den Problemen von Laborfleisch beschäftigt. Skalierung und Preis. Auch bei Stammzellforscherin Sriram: »Wir nutzen sehr teure Technologien und Geräte der Pharmaindustrie – und stellen damit das Allerweltsprodukt Lebensmittel her.« Um entsprechende Massen an Laborproteinen zu produzieren, mit denen täglich Milliarden Menschen satt gemacht werden können, brauche es Zeit. Größere, günstigere Bioreaktoren. Der Fortschritt passiere, aber in kleinen Schritten.

Vor einigen Jahren, erzählt Sriram, lag der Preis für ein Kilogramm Garnelenfleisch von Shiok Meats bei 10.000 US-Dollar. Inzwischen konnte die Firma den Kilopreis auf 50 Dollar senken. Bis Fleisch aus dem Bioreaktor aber annähernd mit Fleisch aus der Massentierhaltung mithalten kann, werde es noch dauern. Sie glaubt, dass die Produkte in den nächsten zehn Jahren wettbewerbsfähig sein können. Und es muss eine entsprechende Zulassung geben. Etwa in der EU, wo der Prozess schwierig werden könnte, da die einzelnen Staaten darüber abstimmen und sich viele schützend vor ihre traditionelle Viehwirtschaft stellen dürften.

Asien könnte, was Zulassungen für Laborfleisch angeht, vorangehen. Viele Staaten seien aufgeschlossener als Europa, sagt Sandhya Sriram. Was auch daran liegen könnte, dass Hunger und Klimakatastrophen dort bereits ein riesiges Problem sind. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen ruft jährlich eine neue »Alarmstufe Rot« aus. Mehr als eine Milliarde Menschen in Asien hatten im Jahr 2021 unzureichend Zugang zu Essen; Bauern fahren weniger Ernten ein, Fischer kommen mit weniger Fang zurück. Glaubt man Prognosen, wird die Bevölkerung in der Region, in der im Moment 4,7 Milliarden leben, in den kommenden drei Jahrzehnten um 600 Millionen Menschen wachsen.

Eine neue Technologie gegen den Hunger, die mehr Menschen mit weniger Ressourcen satt machen kann – ist da eine gute Nachricht.

Noch einmal zurück zum Dinner im Singapurer Hotel. Nach dem Chicken-Nugget kommt der Koch des Abends in den Raum, er hat noch etwas vorbereitet. Einen weiteren Gang. Wieder Hähnchen aus dem Labor, aber diesmal: »die nächste Generation«. Satay-Spieße in Erdnusssoße.

Wieder riecht es im Raum nach gegrilltem Huhn. Ich löse das Fleisch von dem Holzspieß, es bleibt an manchen Stellen etwas hängen. Diesmal ist die Textur des Fleisches fester.

Ließe sich die Welt mit einem Chicken-Nugget retten oder mit einem gegrillten Hühnerspieß? Werden Leute je ein Lebensmittel kaufen, das hergestellt wird wie ein Coronaimpfstoff? Ich weiß es nicht. Ich nehme den letzten der drei Satays vom Teller. Ziehe das Huhn, gewachsen als Zellsuppe in einem Edelstahlbehälter, mit den Zähnen vom Spieß. Es ist getränkt in Marinade und Erdnusssoße. Notiere: Habe schon schlechteres Hähnchen gegessen. Sieben von zehn Punkten.

2022-11-26T07:09:17Z dg43tfdfdgfd